Goezwitscher

 

Unter dem Hashtag  #goezwitscher zeigen wir in unserem Twitter-Account @MWWForschung regelmäßig besondere Funde aus Goethes Privatbibliothek. Während auf Twitter nur ein kurzer Einblick gewährt werden kann, stellen wir unsere Exponate im Virtuellen Forschungsraum näher vor. Das gewählte Format kommt unserem Anliegen nach, aus der laufenden Forschungsarbeit zu berichten. Hier präsentieren wir ausgewählte Bücher, Details, Lieblingsstücke, Unikates oder auch Komisches – zusätzlich zu (virtuellen) kuratierten Ausstellungen zur Bibliothek, die wir ebenfalls im Virtuellen Forschungsraum zeigen möchten.

 

Die Privatbibliothek Goethes umfasst mehr als 7000 Bände und steht gewöhnlich in Goethes Haus am Weimarer Frauenplan, dem heutigen Goethe-Nationalmuseum. In einem an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek angesiedelten Projekt des Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenbüttel werden die Bücher seit 2016 katalogisiert und erforscht. Über das Angebot Goethe Bibliothek Online sind sowohl die Bände aus Goethes Privatbibliothek als auch seine Ausleihen aus der herzoglichen Bibliothek recherchierbar. Mehr als 2000 ausgewählte Bände werden sukzessiv digitalisiert und über die Digitalen Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek präsentiert.

 

Auswahl und Texte: Ulrike Trenkmann / Stefan Höppner


 

Vaters Bücher

 Johann Caspar Goethe: Viaggio per l'Italia, Blatt 882 @ Klassik Stiftung Weimar
Johann Caspar Goethe: Viaggio per l'Italia, Blatt 882 @ Klassik Stiftung Weimar

Als Katharina Elisabeth Goethe 1792 den Haushalt am Frankfurter Hirschgraben auflöste, durfte Goethe sich Bücher aus der Familienbibliothek aussuchen. Der Rest sollte versteigert werden. Als er zögerte, schrieb die Mutter: „Was mach[s]t du denn vor ficks facks mit deiner Unschlüssigkeit – wunderlicher Mensch! nehme deine Jugendfreunde die du ungern verkaufen siehst – suche dir aus was dir Freude macht“. Auch Johann Georg Schlosser, der Witwer von Goethes Schwester Cornelia, durfte zugreifen. Tatsächlich spielte die Bibliothek der Familie eine große Rolle für den jungen Goethe. In seiner Autobiographie Dichtung und Wahrheit setzte er ihr ein Denkmal. Der Vater Johann Caspar Goethe (1710–1782) berücksichtigte gern die Bücherwünsche des Sohnes. 1794 wurden die Reste versteigert.

Eine vollständige Auflistung der Bände, die Goethe übernahm, gibt es nicht mehr. Einen Teil schenkte er Christian Gottlob von Voigt, seinem Ministerkollegen im Weimarer Herzogtum. Bisher konnten wir 126 Drucke und Handschriften aus der Frankfurter Familienbibliothek in Goethes eigener Sammlung identifizieren. Was Goethe aufbewahrte, waren aber nicht so sehr ‚Jugendfreunde‘ als wertvolle Drucke des 16. bis frühen 18. Jahrhunderts, vor allem zur Philologie und Kunstgeschichte – Bücher, die für seine Arbeit wichtig waren.

Eine Kostbarkeit sticht heraus: Johann Caspar Goethes Bericht von seiner eigenen Italienreise, die er 1740/41 unternahm, und die ihn lebenslang prägte. Über viele Jahre hinweg arbeitete er an dem Manuskript, das er in leicht fehlerhaftem Italienisch schrieb, und mit dem er den Wunsch, nach Italien zu reisen, auch seinem Sohn einpflanzte. An einigen Stellen fügte der Vater sogar eigene Zeichnungen hinzu.

Schon seit 1937 wird die Bibliothek im Frankfurter Goethehaus Buch für Buch rekonstruiert. Auf Basis der alten Verzeichnisse werden Drucke angekauft, die den historischen Beständen entsprechen. Die Bücher vermitteln noch immer einen lebendigen Eindruck der Atmosphäre, in der Goethe aufwuchs und seine wichtigsten Bildungseindrücke empfing. Nur die Originale sind in alle Winde zerstreut.  


 

Verzeichnete Ordnung

Eine erste Übersicht von Goethes Bibliothek vermittelt Das handschriftliche Verzeichnis derjenigen Bücher welche sich in der Bibliothek Ihro des Herrn Geheimden Rath von Goethe Hochwohlgeb. vorfinden, 1788, das wohl sein Schreiber Christian Georg Karl Vogel (1760–1819) angefertigt hat und überschaubare 317 Titel aufführt. In dem eher als Inventar angelegten Dokument sind die Bücher statt nach Autoren nach den damals üblichen Formaten Folio, Quart, Oktav und Duodez aufgelistet. Finanziell gut ausgestattet, konnte Goethe seine Büchersammlung weiter ausbauen, auch bekam er zahlreiche Bände zugesandt, so dass er am Lebensende weit über 7000 Titel besaß.

Eine Revision seiner Privatbibliothek ergab 1815, dass „mehrere Werke vermißt“ wurden und er bat in einer Anzeige im Weimarischen Wochenblatt „alle diejenigen, welche aus selbiger [Bibliothek] Bücher geliehen erhalten, […] solche bald möglichst in das von Goethesche Haus zurück zu liefern“. Um 1820 beschäftigte sich Goethe intensiver mit der Notwendigkeit, seine Papiere zu ordnen. Mit dieser Aufgabe betraute er Friedrich Theodor Kräuter (1790–1856), der bereits an der großherzoglichen Bibliothek tätig war und den Goethe seit 1811 auch als Privatsekretär beschäftigte und sehr schätzte.

Zur besseren Verwaltung der Bücher führte Kräuter ab 1822 den handschriftlichen Catalogus Bibliothecae Goethianae. Auf fast 1000 Seiten ist Goethes Buchbesitz alphabetisch nach Verfassern verzeichnet, gefolgt von teils gekürzten bibliografischen Angaben und dem Buchformat. Bei einem Teil gab Kräuter zusätzlich eine thematische Zuordnung an. Nach Themengebieten geordnet, standen die Bände in den beschrifteten Bücherregalen. Diese Ordnung war nicht nur für Goethes literarische und wissenschaftliche Arbeit unerlässlich, sondern ermöglichte auch seinen Mitarbeitern ein leichteres Auffinden von einzelnen Titeln. Und für die heutige Erschließung bereichert uns der Katalog um das Wissen weiterer Bände, die einst in Goethes Bibliothek standen. Nur ausnahmsweise hinterließ Kräuter eine Notiz über deren Verbleib: „NB der 1ste Bd. ist durch die Jungfer Christiane Rolsch verloren gegangen. ThK.“ (S. 245) oder „NB An Hrn G. R. v. Einsiedel abgegeben“ (S. 358). Weitere Spuren, Nachträge und Anstreichungen in Bunt- und Bleistift, hinterließen spätere Bibliothekare, die sich mit Revisionsarbeiten in Goethes Bibliothek befassten.

Katalog zu Goethes Privatbibliothek, Titelblatt @ Klassik Stiftung Weimar
Katalog zu Goethes Privatbibliothek, Titelblatt @ Klassik Stiftung Weimar

 

Verschlüsselte Liebe

Chiffrebrief, aufgeklebt auf dem fliegenden Vorsatzblatt @ Klassik Stiftung Weimar
Chiffrebrief, aufgeklebt auf dem fliegenden Vorsatzblatt @ Klassik Stiftung Weimar

Goethes West-östlicher Divan ist eines seiner großen Alterswerke. Der umfangreiche Gedichtband ist eine – damals ungewöhnliche – Reise in die Welt der persischen, arabischen und türkischen Dichtung. Goethe beherrschte selbst keine dieser Sprachen. Stattdessen las er die großen Werke dieser Literaturen in deutschen, englischen und französischen Übersetzungen. Dass sich Philologen damals mehr und mehr diesen Sprachen zuwandten, war auch eine Folge des stärker werdenden Kolonialismus in dieser Region.

Der erste und wichtigste Anstoß kam von einem Buch, das Goethe von seinem Verleger Johann Friedrich Cotta bekam: Der Diwan, eine zweibändige Anthologie mit Gedichten des persischen Poeten Hafis (um 1315 – um 1390), nach der Goethe später auch sein eigenes Buch benannte. Unter „Diwan“ versteht man nicht nur ein Möbelstück, sondern auch eine Sammlung von Gedichten. Die Übersetzung stammte von dem österreichischen Philologen Joseph von Hammer-Purgstall (1774–1856), der sich als Diplomat selbst einige Jahre in Ägypten und Istanbul aufgehalten hatte.

Hafis‘ Buch diente aber auch als Reservoir für Liebesschwüre: Eine zweite Inspiration zu Goethes Divan war seine Liebe zur Frankfurter Bankiersgattin Marianne von Willemer (1784–1860), die auf Gegenseitigkeit beruhte. In Goethes Hafis-Exemplar sind drei Chiffrebriefe mit Zahlenfolgen eingeklebt. Auf den ersten Blick wirken die Zettel kryptisch und unscheinbar, beziehen sich aber auf Seiten und Zeilen im Buch. „402.  – 11–12“ etwa steht für die Verse „Was der Geliebte schenkt, ist nichts als milde Huld, / Es sey durch Rosenkranz, durch Gürtel zugebracht.“

Die Liebe zu von Willemer regte Goethe zum „Buch Suleika“ an, dem berühmtesten Teil seines Divan, in dem Suleika (Willemer) und der Dichter Hatem (Goethe) in einen Dialog treten. Hier nahm er auch eine Handvoll ihrer Gedichte in den Zyklus auf. Dass sie von ihr stammten, wies die Forschung aber erst viel später nach.


 

Bergige Höhen

Im März 1807 erhielt Goethe den ihm gewidmeten Band Ideen zu einer Geographie der Pflanzen, nebst einem Naturgemälde der Tropenländer, der aus den Reisen von Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland durch Südamerika hervorging. Das Gemälde blieb Humboldt allerdings schuldig, so dass Goethe, inspiriert von den Schilderungen, selbst eine Zeichnung schuf – heute bekannt unter dem Titel Höhen der alten und neuen Welt bildlich verglichen. Ausgehend vom Chimborazo sind weitere amerikanische und europäische Berge gegeneinandergestellt, Schneelinien und Vegetationshöhen eingetragen, Gipfelhöhen vermerkt. Somit sind zahlreiche Informationen auf nur einem Bild verdichtet dargestellt. In diesem Sinne zu verstehen, aber doch humorvoll arrangiert sind kleine Figuren. Auf dem Gipfel des Mont Blanc steht Horace Bénédict de Saussure, dieser winkt Humboldt zu, darüber schwebt der Ballonfahrer Joseph Louis Gay-Lussac. Heute sind mehrere zusammengebundene Blätter überliefert, diese variieren in der Kolorierung, teils dampfen die Vulkane. Auf dem letzten Blatt sind ausgeschnittene Wolken aufgeklebt – Howardsche Wolkenformationen, zu denen Goethe übrigens ein Gedicht verfasst hat.

Seine Illustration stellte Goethe sogleich der Weimarer Mittwochsgesellschaft – einer geselligen Damenrunde – vor. Kurz darauf sandte er am 3. April eine Kopie an Humboldt. Er habe „eine Landschaft phantasirt […] halb im Scherz, halb im Ernst“ und bitte neben Anmerkungen und Korrekturen in seinem Begleitschreiben um die noch ausstehende Tafel. Einen Monat später traf die gewünschte „Profilkarte der Berghöhen“ von Humboldt ein, die Goethe auf seine Reise nach Karlsbad mitnahm und dort laut Tagebuch zur Ansicht die „Humboldtschen Durchschnitte aufgenagelt“ hat. Tatsächlich ist in jeder Ecke des großformatigen Druckes ein Loch zu erkennen.

Erst 1813 wurde Goethes Tableau von dem Verleger Friedrich Justin Bertuch in den Allgemeinen geographischen Ephemeriden veröffentlicht und von Goethe mit lebhaften Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte versehen: Seinem Wunsch nachkommend das Werk Humboldts „sogleich völlig geniessbar und nützlich zu machen“ zeichnete er die Berghöhen, die sich unter seiner „Hand wie zufällig zu einer Landschaft bildeten“. Auch vermerkt er hier, dass er aus dem Fluss ein Krokodil herausblicken ließ, um den Meeresspiegel anzuzeigen – auch wenn dieses „zu dem Uebrigen etwas colossal gerathen seyn mag.“ Diese Radierung, im Felsen am unteren Bildrand verewigt, widmete Goethe nun wiederum Humboldt.

Johann Wolfgang von Goethe: Höhen der alten und neuen Welt bildlich verglichen, 1807–1813 © Klassik Stiftung Weimar
Johann Wolfgang von Goethe: Höhen der alten und neuen Welt bildlich verglichen, 1807–1813 © Klassik Stiftung Weimar

 

Shakespeares Fest

William Shakespeare/Christoph Martin Wieland: Shakespear Theatralische Werke, Bd. 1, 1762 © Klassik Stiftung Weimar
William Shakespeare/Christoph Martin Wieland: Shakespear Theatralische Werke, Bd. 1, 1762 © Klassik Stiftung Weimar

In Deutschland war Shakespeare lange ein fast Unbekannter. Das änderte sich erst mit dem Aufklärer Christoph Martin Wieland, der 22 Dramen ins Deutsche brachte – in einer Ausgabe, die ab 1762 in Zürich erschien. Seine Übertragungen ebneten den Weg für eine breite Rezeption des ‚Barden‘ in Deutschland – und spätere Übersetzer wie August Wilhelm Schlegel, Ludwig und Dorothea Tieck oder Erich Fried.

Goethe las Shakespeare schon in seiner Leipziger Studienzeit. Vielleicht in Wielands Übersetzungen, die in der Frankfurter Bibliothek seines Vaters standen. Goethe schätzte Shakespeare bereits als einen seiner „ächten Lehrer“. Wirklich entflammt wurde er jedoch erst in Straßburg, und zwar durch seinen Mentor Herder. Das ging so weit, dass Goethe nach seiner Rückkehr nach Frankfurt Shakespeare-Feiern im Haus seiner Eltern und bei den Straßburger Freunden anregte.

Aber woher nahm er die Inspiration? Eine Antwort gibt ein Manuskript, das vorn in den ersten Band von Wielands Übersetzungen eingeheftet ist; er steht heute in Goethes Bibliothek. Es ist die Abschrift eines Artikels von unbekannter Hand aus dem renommierten Mercure de France vom Dezember 1769. Unter dem schlichten Titel „Fete de Shakespear“ berichtet dieser von einem Fest, das der Schauspieler David Garrick im September des Jahres in Stratford veranstaltet hatte, der Heimatstadt des Dichters. Dieses ‚Shakespeare Jubilee‘ fand sogar international Beachtung, wie der Artikel zeigt.

Dass die Abschrift vorn ins Buch eingeheftet war, spricht dafür, dass sie dem jungen Goethe wichtig war. Für die Frankfurter Feier am 14. Oktober 1771 schrieb Goethe die Rede „Zum Schäkespeares Tag“. Hier fand er einen feurigen Ton: „Die erste Seite die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen […]. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert, alles war mir neu, unbekannt, und das ungewohnte Licht machte mir Augenschmerzen.“ Von hier führte der Weg zum Drama des Sturm und Drang, zu Goethes eigenem Götz von Berlichingen, aber auch den Dramen seines damaligen Freundes Jakob Michael Reinhold Lenz.


 

Phantastische Mondwelten

„Machte mich mit dem Monde […] bekannt mit Hülfe des Auchischen Telescops“ notiert Goethe im Sommer 1799 in sein Tagebuch, als er von seinem Gartenhaus an der Ilm den Mond betrachtete. Immer wieder beschäftigte er sich mit der Astronomie, nicht zuletzt als Oberaufseher der Sternwarte zu Jena. Am 5. September 1825 sendet Franz von Paula Gruithuisen (1774–1852) an Goethe einen Sonderdruck seiner ein Jahr zuvor erschienen Abhandlung über Entdeckung vieler deutlichen Spuren der Mondbewohner, besonders eines collossalen Kunstgebäudes derselben und verschiedene Mondkarten (Selenographische Fragmente).

Als Universitätsprofessor in München war Gruithuisen zunächst der Anatomie und Physiologie zugewandt – er entwickelte Ideen zur Zertrümmerung von Harnsteinen. Später befasste er sich mit astronomischen Themen, insbesondere mit der Beschaffenheit von Himmelskörpern. Für seine außergewöhnliche Sehschärfe wurde er bewundert, seine Interpretationen der Mondoberfläche waren aber äußerst umstritten, zumeist mit Spott bedacht. Sah er doch in den gleichmäßig erscheinenden Wällen der Mondkrater von „Seleniten“, also Mondbewohnern, erschaffene Bauwerke und Festungen. Er beschreibt verschiedene Vegetationen, gerade Strukturen als Straßen.          

Goethe kannte Gruithuisens Thesen über die Mondbewohner bereits, denn Kanzler Friedrich von Müller berichtet für den 22. März 1824: „Gruithuisens […] Behauptung, im Monde eine Festung entdeckt zu haben, mache ihn [Goethe] wütend; denn den Unsinn verbreitet […] zu sehen, sei das Schrecklichste, was einem Vernünftigen begegnen könne“. Dennoch war Gruithuisen am 29. und 30. September 1825 zu Gast bei Goethe; eine persönliche Begegnung, die zu einer deutlichen Meinungsänderung geführt hat.

So schreibt Goethe in einem Brief an Nees von Esenbeck, nachdem seine Thesen 1826 im Kölner Karneval verspottet wurden: „[…] auch verdient der gute Gruithuisen eine solche Behandlung nicht. Was er gesehen und mittheilt ist aller Ehren werth, und man sollte ihm die Freude lassen, es nach seiner Art zu commentiren und zu erklären. Ein jeder darf ja die Bemühungen des fleißigen Mannes auf eigene Weise benutzen.“ Von Gruithuisens Forschungen erfuhr Goethe weiterhin über die von ihm herausgegebenen und regelmäßig nach Weimar gesandten Hefte der Analekten für Erd- und Himmelskunde. Späte Ehrung wurde dem Astronomen zuteil, als 1935 ein Mondkrater seinen Namen erhielt.

Franz von Paula Gruithuisen: Selenographische Fragmente, 1821–1823 © Klassik Stiftung Weimar
Franz von Paula Gruithuisen: Selenographische Fragmente, 1821–1823 © Klassik Stiftung Weimar

 

Letzte Worte

Gothaischer verbesserter Schreib-Kalender auf das Jahr …, 1816 © Klassik Stiftung Weimar
Gothaischer verbesserter Schreib-Kalender auf das Jahr …, 1816 © Klassik Stiftung Weimar

Unter den Büchern in Goethes Arbeitszimmer gibt es ein besonderes – einen Schreibkalender für das Jahr 1816, den seine Ehefrau Christiane als Tagebuch nutzte. In knappen Notizen, die sie Goethes Schreiber und Bibliothekar Friedrich Theodor Kräuter diktierte, hielt sie ihren Alltag fest. An den meisten Tagen waren es nur wenige Zeilen. Aber sie sind aufschlussreich, weil sie einen Einblick in ihr Leben eröffnen – in das gemeinsame mit Goethe, den sie zeitlebens siezte und der hier stets nur als „Geh.[eimer] Rath“ auftaucht, ebenso wie in die Zeit mit ihrem eigenen Freundeskreis.

Am 26. Februar heißt es zum Beispiel: „Häusliche Besorgungen[.] Mittag für uns. Die Frau Räthin Vulpius mit Felix. Abends die Entdeckung und die Feuerprobe.“ Wirklich klar werden die Aufzeichnungen allerdings nur mit Wissen um die Kontexte. Mit dem Besuch sind die Schwägerin und der Neffe der 1765 als Christiane Vulpius geborenen Frau gemeint; abends sah sie im von Goethe geleiteten Hoftheater zwei Stücke von August Ernst von Steigentesch und August von Kotzebue.

Tragisch ist, dass es Christiane von Goethes letzte Lebensmonate sind, die der Kalender festhält. Die Worte „Bald zu Bette“ vom 30. Mai 1816 sind die letzten, die von ihr überliefert sind. Das Buch wurde für Goethe zu einem Andenken an seine Frau, deren Begräbnis er fernblieb. Es ist überliefert, dass es danach stets bei ihm im Arbeitszimmer stand, als Teil seiner Handbibliothek. Als die Autorin Sigrid Damm 1998 ihre Biographie über Christiane von Goethe veröffentlichte, publizierte sie zeitgleich auch eine Edition des Tagebuchs und machte die Notizen damit erstmals zugänglich.


 

Königliche Handschrift

Bald ist es wieder soweit und wir hören die Weihnachtsgeschichte, in der sich die Heiligen Drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar auf den Weg begeben und durch den Stern von Bethlehem zu Jesus geleitet werden, um das neugeborene Kind willkommen zu heißen. Von diesen handelt die dem Karmeliter Johannes von Hildesheim (um 1310/20–1375) zugeschriebene Dreikönigslegende, von der sich eine lateinische Handschrift Historia trium regum aus dem 15. Jahrhundert in Goethes Bibliothek befindet. Die Pergamentseiten schützt ein neuer Einband, mit alten Fragmenten einer liturgischen Handschrift bezogen und einer dreifarbigen Fleuronnée-Initiale auf dem Vorderdeckel. Zusammen mit einer theologischen Sammelhandschrift waren diese wohl einst zu einem gemeinsamen Codex zusammengebunden, was in dem Aufsatz Iste libellus pertinet Goethe? näher ausgeführt wird.

Die Handschrift erwarb Goethe spätestens 1819, denn in diesem Jahr schrieb Goethe an seinen Freund Sulpiz Boisserée: „Nun aber fließt so eben ein Bach bei mir vorüber, den ich gar zu gern auf Ihre Mühle leiten möchte; ich erwerbe zufällig ein altes Manuscript, klein Quart, 84 Blätter mit Abbreviaturen […]. Es enthält die Legende der heiligen drei Könige und ihres Sternes.“ Zudem bespricht er diese in seiner Zeitschrift Ueber Kunst und Alterthum.

Über Boisserée vermittelt, bat der Gymnasiallehrer und Schriftsteller Gustav Schwab (1792–1850) um dieses Manuskript, da er es mit der Heidelberger Handschrift der Dreikönigslegende (aus der Bibliotheca Palatina) vergleichen und anschließend einen Text in einem von Luthers Bibelsprache inspirierten Stil erstellen wolle. Goethe unterstützte sein Vorhaben und sandte ihm das Manuskript nach Stuttgart. Am 25. März 1822 konnte Schwab endlich sein gedrucktes Werk Die Legende von den heiligen drei Königen nach Weimar senden. Goethe, der sein Manuskript bereits ein Jahr zuvor zurückerhalten hatte, bewarb den Band wohlwollend, verfasste er doch eigens ein vorangestelltes Widmungsgedicht: „… Und so laßt von diesem Schalle / Euch erheitern, Viele, Viele / Denn am Ende sind wir alle / Pilgernd Könige zum Ziele.“

Historia trium regum, Mitte 15. Jahrhundert © Klassik Stiftung Weimar
Historia trium regum, Mitte 15. Jahrhundert © Klassik Stiftung Weimar

 

Entschleierte Natur

Alexander von Humboldt: Ideen zu einer Geographie der Pflanzen, 1807 © Klassik Stiftung Weimar
Alexander von Humboldt: Ideen zu einer Geographie der Pflanzen, 1807 © Klassik Stiftung Weimar

Der Forschungsreisende Alexander von Humboldt (1769–1859) war einer von Goethes liebsten Austauschpartnern in den Naturwissenschaften. Davon zeugen auch die vielen Humboldt-Bände in Goethes Bibliothek, einige von Ihnen mit Widmung. Ein großer Teil davon sind direkte Geschenke des Forschers. Dieser erkannte stets an, dass Goethe ihn zu einigen seiner wichtigsten Ideen inspirierte.

Die vielleicht schönste Hommage Humboldts an Goethe findet sich in seiner Idee zu einer Geographie der Pflanzen (1807). Die Kupfertafel von Bertel Thorvaldsen (1770–1844) zeigt einen Jüngling mit Leier, der den Schleier von einer Frauenstatue mit vielen Brüsten hebt, darunter in geschwungenen Lettern die Widmung: „An Göthe.“

Die Botschaft des heute rätselhaften Bildes war für Zeitgenossen offensichtlich. Die ägyptische Göttin Isis wurde in einem eigenen Tempel in der Stadt Saïs verehrt. Sie galt bei den Griechen und Römern als Verkörperung der Natur. In vielen frühneuzeitlichen Darstellungen erscheint sie als Frau mit vielen Brüsten, die den Reichtum der Natur verkörpern sollen. Die Aussage des Kupferstichs ist klar: Der Dichter Goethe (oder seine Dichtung) entschleiert die Natur.

Damit bricht er eigentlich ein Tabu. Nach einer Legende trägt die Isis-Statue im Tempel eine Inschrift. Danach verfällt dem Wahnsinn, wer es wagt, die Hülle von der Göttin zu heben. So schildert es Schiller in seinem Gedicht Das verschleierte Bild zu Sais. Doch schon der Romantiker Novalis hält ihm entgegen: „[W]enn kein Sterblicher, nach jener Inschrift dort, den Schleyer hebt, so müssen wir Unsterbliche zu werden suchen; wer ihn nicht heben will, ist kein ächter Lehrling zu Sais.“ Und als der Naturphilosoph und Anatom Lorenz Oken, mit Goethe notorisch überkreuz, 1817 in Jena seine naturwissenschaftliche Zeitschrift gründet, nennt er sie selbstbewusst Isis.

Der Empiriker Humboldt sucht zwar nach Gesetzen für eine Verteilung der verschiedenen Pflanzenarten in der ganzen Welt. Doch sein Projekt ist Goethes Suche nach der ‚Urpflanze‘ zumindest verwandt: „Die Geographie der Pflanzen untersucht, ob man unter den zahllosen Gewächsen der Erde gewisse Urformen entdecken und ob man die specifische Verschiedenheit als Wirkung der Ausartung und als Abweichung von einem Prototypus betrachten kann“. So gesehen, passt die Widmung an Goethe perfekt.


 

Barocke Signaturen

Goethe sammelte begeistert Autographen, die Handschriften berühmter Persönlichkeiten. Seine Leidenschaft war unter Gelehrten weit bekannt; Freunde und Verehrer sandten ihm immer neue Stücke für seine Sammlung. Einer von ihnen war der Lehrer und Bibliothekar Samuel Christian Theodor Bernd (1775–1854). Im Mai 1819 überraschte er mit einer größeren Sendung, darunter Autographen von zwei literarischen Größen des Barock: Eine Handschrift des religiösen Schwärmers Quirinus Kuhlmann (1651–1689) und ein Buch mit dem Namenszug des Dichters Andreas Gryphius (1616–1664).

Bernd legte einen Roman bei, den Gryphius 1641 in Amsterdam gekauft hatte. So vermerkte es der Dichter auf dem Titelblatt, auf Lateinisch, wie es sich für einen Gelehrten gehörte. Auf den ersten Blick passt der Ort nicht ins Bild, denn Gryphius stammte aus der schlesischen Kleinstadt Glogau. Zu dieser Zeit studierte er jedoch Jura im holländischen Leiden, an einer der führenden Universitäten Europas. Das Buch selbst ist die niederländische Übersetzung eines französischen Romans, L’Ariane (1632) von Jean Desmarets de Saint-Sorlin. Gryphius las ihn vielleicht zum Vergnügen oder um sein Niederländisch aufzubessern (das französische Original finden Sie hier). Zur ersten deutschen Übersetzung des Romans durch Georg Andreas Richter, 1644 ebenfalls in Leiden erschienen, steuerte Gryphius sogar eine gereimte Vorrede bei.

Später ging der Band in den Besitz seines Sohnes Christian Gryphius (1649–1706) über, ebenfalls ein namhafter Schriftsteller; er verewigte sich am unteren Rand des Titelblatts. Interessanterweise tat er es erst 1698, also in einem fortgeschrittenen Lebensalter. Vielleicht, weil er in diesem Jahr die Vermehrten teutschen Gedichte seines Vaters herausgab, in die er auch die Vorrede zur Ariane aufnahm. Gut möglich, dass er dafür die vom Vater geerbten Bücher durchsah.

Goethe war wohl nicht allzu beeindruckt. Nicht einmal ein Dank an Bernd ist überliefert. Das könnte auch am damals zweifelhaften Ruf des Barock liegen. In den Augen der Aufklärung zeichnete sich die Literatur des 17. Jahrhunderts vor allem durch Schwulst und leere Formeln aus. Dieses Bild wirkte auch in der Weimarer Klassik weiter, auch wenn Goethe einzelne Autoren wohlwollend las. Der geschenkte Band ist zwar in einen handschriftlichen Katalog von Goethes Büchersammlung aufgenommen. Vom früheren Besitzer Gryphius dagegen kein Wort.

 

Mit Dank an Dieter Martin.

Jean Desmarets de Saint-Sorlin: De Onvergelykelyke Ariane, 1641 © Klassik Stiftung Weimar
Jean Desmarets de Saint-Sorlin: De Onvergelykelyke Ariane, 1641 © Klassik Stiftung Weimar

 

Wilde Tiere

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Abbildungen aus dem Tierreich, [ca. 1793] © Klassik Stiftung Weimar
Johann Heinrich Wilhelm Tischbein: Abbildungen aus dem Tierreich, [ca. 1793] © Klassik Stiftung Weimar

Der Tafelband Abbildungen aus dem Tierreich mit 27 radierten Blättern und einer Handzeichnung zeigt eine Facette des vielseitigen Oeuvres von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751–1829), der auch das bekannte Ölgemälde Goethe in der Campagna schuf. Angeregt durch die Physiognomischen Fragmente von Johann Caspar Lavater beschäftigte sich Tischbein intensiv mit der Physiognomie von Mensch und Tier. Dafür studierte er wilde Tiere – Löwen, Tiger, Leoparden und einen Elefanten – in der Menagerie der hessischen Landgrafen in Kassel, aber auch heimische Waldtiere, lebend oder erlegt. Den Göttinger Naturforscher und Anatom Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840) bat er um eine Beurteilung seiner schriftlichen Ausführungen, denen er auch Abbildungen beifügte, was aus mehreren Korrespondenzen hervorgeht.  

In diesem Zusammenhang wird der Band in den Besitz Blumenbachs gelangt sein, der das Buch an seinen ältesten, damals 13-jährigen Sohn Georg Heinrich Wilhelm weitergab. Dies ist aus dem Eintrag „G. Blumenbach. Cassel. 1793“ auf der Innenseite des eingebundenen alten Einbandes abzuleiten. Darunter findet sich die Notiz „A. Goethe. d. 23 Juli. Goettingen 1801“, was darauf schließen lässt, das August von Goethe als elfjähriger Knabe wiederum diesen Band geschenkt bekam, als er mit seinem Vater in die Universitätsstadt reiste. Der etwa gleichaltrige jüngere Sohn Blumenbachs war ihm in dieser Zeit ein Begleiter, wie den Tag- und Jahresheften Goethes zu entnehmen ist. An Augusts Mutter Christiane Vulpius schrieb Goethe am 21. Juli: „August ist gar lieb und gut und macht mit allen Menschen Freundschaft“.

Bei dem abgebildeten Elefanten, der bereits 1780 verstarb, handelt es sich um jenes Tier, an dessen präpariertem Schädel Goethe seine vergleichenden Studien zum Zwischenkieferknochen vornahm.


 

Prominent ignoriert

Heinrich Heine – so hieß einer der vielen Nachwuchsautoren, die Goethe im Alter mit Büchern überhäuften. Dreimal versuchte er mit seinen Schriften, die Aufmerksamkeit des alten Dichters zu gewinnen. Zunächst mit seinem Erstling Gedichte (1822) und den Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo (1823). Doch Goethe reagierte nicht, ebenso wenig wie bei vielen anderen deutschsprachigen Autoren der Zeit. Die Tragödien schenkte er später seinem theaterbegeisterten Enkel Wolfgang. Auch als ihn der junge Dichter besuchte, ließ er nur lapidar notieren: „Heine von Göttingen“.

Heine war vergrätzt. Einem Freund schrieb er, der alte Goethe sei „nur noch das Gebäude worinn einst herrliches geblüht […]. Er hat ein wehmüthiges Gefühl in mir erregt, und er ist mir lieber geworden, seit ich ihn bemitleide. Im Grund aber sind Ich und Göthe zwey Naturen die sich in ihrer Heterogenität abstoßen müssen.“

1826 wagte Heine einen letzten Versuch – mit seinen Reisebildern, darin auch seine legendäre Harzreise. Seine Widmung schrieb er auf das Schmutztitelblatt: „Sr. Excellenz d Herrn Geheimrath v. Göthe übersendet dieses Buch, als ein Zeichen der höchsten Verehrung und Liebe der Verfasser.“ Doch er wurde auch diesmal ignoriert. Erst Anfang der 1830er Jahre erlebte Heine mit seinen Reisebildern einen Durchbruch beim Publikum. Auf Goethe kam er immer wieder zurück, etwa in der Romantischen Schule. Trotz der früheren Ablehnung zeichnete Heine stets ein nuanciertes Bild des Weimarer Dichters, mit Licht- und Schattenseiten.

Heinrich Heine: Heine's Reisebilder, 1826 © Klassik Stiftung Weimar
Heinrich Heine: Heine's Reisebilder, 1826 © Klassik Stiftung Weimar

 

Dekorative Räume

Friedrich Christian Beuther: Dekorationsentwürfe, 1816 © Klassik Stiftung Weimar
Friedrich Christian Beuther: Dekorationsentwürfe, 1816 © Klassik Stiftung Weimar

Beeindruckende Kulissen zu erschaffen, dies vermochte der Theatermaler und Dekorateur Friedrich Christian Beuther (1777–1856), den Goethe 1815 für das Weimarer Hoftheater gewinnen konnte und von dem er lobend berichtet: ein „Künstler, der durch perspektivische Mittel unsere kleinen Räume ins Grenzenlose zu erweitern, durch charakteristische Architektur zu vermannigfaltigen und durch Geschmack und Zierlichkeit höchst angenehm zu machen wußte.“ Zudem unterbreitete er der Theaterkommission Reformvorschläge, die unter anderem die Handhabung der einzelnen Dekorationsteile und das Agieren der Schauspieler auf der Bühne beinhaltet. Mit Goethes Abgabe der Theaterleitung und den sich damit ändernden Konditionen seiner Anstellung verließ Beuther die Stadt schon 1818 wieder und setzte sein Schaffen am Braunschweiger Nationaltheater fort.

Links abgebildet ist ein Ausschnitt von dem Tempel der Isis aus Mozarts Die Zauberflöte, die zu den am häufigsten aufgeführten Opern am Weimarer Hoftheater zählt. Der großformatige Einblattdruck, eine farbige Aquatinta, gehört zu den 1816 von Beuther veröffentlichten Dekorationsentwürfen. Drei der insgesamt sechs Bilder entstanden für Aufführungen in Weimar (Die Zauberflöte und Titus). Später erschienen in zwei Lieferungen Dekorationen für die Schaubühne – 1824 mit einem Vorwort über Theatermalerei und 1828. Beide Werke sind in Goethes Privatbibliothek erhalten. Weitere Blätter werden in den Graphischen Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar aufbewahrt.        

Die gelobte Dekorationsmalerei beruhte nicht nur auf Beuthers künstlerischen Talent, sondern auch auf der intensiven Beschäftigung mit der bildlichen Inszenierung, die auf Motivstudien, aber auch eigenen Arbeiten zur Perspektive und Farbenlehre beruhen. Tatsächlich ist in dem Ausleihjournal aus diesem Jahr unter den letzten beiden Einträgen neben dem Werk Ueber Newtons Farbtheorie auch die Baukunst der Aegypter von del Rosso verzeichnet. Ein Jahr nach Goethes Tod publizierte Beuther eine Kurze Anweisung zur Linear-Perspektive und eine Abhandlung Über Licht und Farbe, die sicherlich auf Goethes Interesse gestoßen wären.


 

Angestrichene Kunst

Goethe war ein leidenschaftlicher Sammler –  Nicht nur Kunstwerken galt sein Interesse, sondern auch vielen anderen Objekten. Dazu gehören Mineralien und andere Naturgegenstände, Münzen, Gemmen und glasierte farbige Keramik aus der italienischen Renaissance, so genannte Majolika. Sammeln hatte für Goethe eine existenzielle Bedeutung: „Ich habe nicht nach Laune und Willkühr, sondern jedesmal mit Plan und Absicht zu meiner eignen folgerechten Bildung gesammelt und an jedem Stück meines Besitzes etwas gelernt.“ Dem Thema widmete er mit Der Sammler und die Seinigen sogar einen kleinen Briefroman. Der finanzielle Wert der Objekte war ihm eher unwichtig.

Aber woher kamen die Gegenstände? Einiges wurde Goethe von seinen Korrespondenten zugesandt, wie in der Ausstellung Allerlei Mitgeschicktes im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv zu sehen war. Doch bei vielen der etwa 50.000 Objekte kennt man die genaue Herkunft bis heute nicht.

Vieles beschaffte sich Goethe wohl über Auktionshäuser. Zunächst bekam er die Kataloge, in denen er Objekte anstrich, für die er sich interessierte und beauftragte dann Mittelsmänner, die auch selbst Kunsthändler sein konnten. Hier als Beispiel ein Katalog mit den Sammlungen des Dresdner Kunsthistorikers Wilhelm Gottlieb Becker (1753–1813). Veranstaltet wurde die Auktion von Johann August Gottlob Weigel (1773–1846) in Leipzig, einem von Goethes bevorzugten Kunsthändlern. Ob Goethe dort etwas erwarb, ist bisher nicht untersucht. Jedenfalls schickte ihm Weigel später ein Exemplar des Katalogs mit den erzielten Preisen. Meist wurden solcher Kataloge nach den Auktionen weggeworfen. Goethe bewahrte dagegen Dutzende von ihnen auf – eine besondere Teilsammlung seiner reichen Bibliothek.    

Verzeichniss einer Sammlung von Kupferstichen und Original-Handzeichnungen des verstorbenen Herrn Wilhelm Gottlieb Becker, 1819 © Klassik Stiftung Weimar
Verzeichniss einer Sammlung von Kupferstichen und Original-Handzeichnungen des verstorbenen Herrn Wilhelm Gottlieb Becker, 1819 © Klassik Stiftung Weimar

 

Gütige Aufnahme

Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, 1827 © Klassik Stiftung Weimar
Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, 1827 © Klassik Stiftung Weimar

Georg Friedrich Wilhelm Hegel  (1770 – 1831) gehörte zu den Philosophen, die Goethe schätzte. Beide lernten einander in Jena kennen, wo Hegel sieben Jahre lang an der Universität lehrte. Goethe war besonders erfreut, dass Hegel seine Farbenlehre positiv aufnahm. Sein Dank war ein Trinkglas mit der Inschrift „Dem Absoluten empfiehlt sich schönstens zur freundlichen Aufnahme das Urphänomen“. Dieser Spruch fasst die Beziehung der beiden perfekt zusammen: Sie schätzten einander, fanden aber nicht zum philosophischen Konsens. „Das Urphänomen“ und „das Absolute“ waren nie völlig zur Deckung zu bringen. Soviel man weiß, setzte Goethe sich auch nie gründlich mit Hegels Philosophie auseinander. 

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Beide blieben lebenslang in Kontakt, und Hegel schickte gelegentlich Bücher an Goethe. So auch seine Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, die 1827 auf die Reise ging. Hier geht es Hegel um das System seiner eigenen Philosophie, gedrängt zusammengefasst für seine Vorlesungen. Es handelt sich um die doppelt so dicke Neuauflage des Buches, in dem er sich auch über die Farbenlehre geäußert hatte. Auf der Innenseite des Vorderdeckels ist eine handschriftliche Widmung eingetragen, in der Hegel ihm das Buch ‚zur gütigen Aufnahme‘ empfiehlt – unser Gruß zum 250. Geburtstag des Philosophen.


 

Sandige Klänge

Die abgebildete Tafel gehört zu dem Werk Entdeckungen über die Theorie des Klanges, verfasst 1787 von Ernst Florens Friedrich Chladni (1756–1827), der als deutscher Physiker mit musischen Interessen vor allem durch seine Arbeiten zur experimentellen Akustik bekannt wurde. Mit diesen zeigte er, dass auf mit Sand bestreuten dünnen runden oder quadratischen (Metall)Platten Muster und Knotenlinien entstehen, wenn diese in Schwingungen versetzt werden, indem an einer Kante mit einem Geigenbogen entlang gestrichen wird. Diese Chladnischen Klangfiguren sind auf der Abbildung zu sehen.

Auf der letzten Seite von Goethes Exemplar war ein Folioblatt eingeklebt, das derartige Klangfiguren als Bleistiftzeichnung enthält. Zusätzlich ist ein Zettel mit einer Skizze in Tinte aufgeklebt, die eine Apparatur zum Einspannen einer Metallplatte zeigt. Vermutlich stehen diese Studien in Zusammenhang mit Goethes eigenen Experimenten zur Farbenlehre, besonders den entoptischen Farben, deren Erscheinung er mit den Chladnischen Tonfiguren verglich.  

Auch wenn der Musiker Zelter an Goethe in einem Brief über Chladnis Vortragsstil berichtet, dass seine Zuhörerschaft teils „sanft eingeschlafen ist“, so schreibt Goethe lobend in Zur Naturwissenschaft überhaupt: „Dank ist ihm die Welt schuldig, dass er den Klang allen Körpern auf jede Weise zu entlocken, zuletzt sichtbar zu machen verstanden.“ 

Chladnis Hauptwerk Die Akustik erhielt Goethe vom Autor persönlich, als dieser im Januar 1803 in Weimar verweilte. Allerdings ist dieser Band heute nicht mehr in Goethes Privatbibliothek vorhanden.

Ernst Florens Friedrich Chladni: Entdeckungen über die Theorie des Klanges, 1787 © Klassik Stiftung Weimar
Ernst Florens Friedrich Chladni: Entdeckungen über die Theorie des Klanges, 1787 © Klassik Stiftung Weimar

 

Armes Genie

Franz Wilhelm Sieber: Der erste Frühlings-Tag für Europa, 1829 © Klassik Stiftung Weimar
Franz Wilhelm Sieber: Der erste Frühlings-Tag für Europa, 1829 © Klassik Stiftung Weimar

Der 1789 geborene Botaniker Franz Wilhelm Sieber war nicht nur ein Weltreisender, er war auch ein Universalgenie des 19. Jahrhunderts. Zumindest sah er sich selbst so.

In Prag geboren und aufgewachsen, reiste Sieber bis nach Australien, Ägypten, Südafrika und Mauritius. Unterwegs sammelte er vor allem Pflanzen, aber auch Tiere und kulturelle Artefakte und publizierte zu all diesen Gebieten. Als Botaniker fand er schnell Anerkennung. Er geriet jedoch zunehmend mit seinen Fachkollegen aneinander und litt unter ständigem Geldmangel. Diese Faktoren trieben ihn zunehmend in den Verfolgungswahn.

Sein Buch Der erste Frühlings-Tag für Europa (1829) war Siebers „letzter Versuch […], in die bürgerliche Gesellschaft zurückzutreten“.  Es sollte fast alle Probleme der Menschheit lösen: Sieber schlug darin nicht nur ein Mittel gegen die Tollwut vor, damals „Wasserscheu“ genannt. Er ‚widerlegte‘ auch Newtons Theorie der Schwerkraft, schlug eine rationale Ordnung aller europäischen Staaten vor und trat für eine ‚vergleichende‘ Medizin und Pflanzenkunde ein. Eingestreut sind Beleidigungen gegen Herder, Zahlenmystik und Vermutungen zum griechischen Ursprung der slawischen Sprachen.

Von seinem Drama Die Bürgschaft nach Schiller war Sieber besonders überzeugt: „Drey der besten Stücke Schakespear’s: Romeo, Lear und Hamlet zusammengeschmolzen, […] wiegen alle zusammen, meine Bürgschaft nicht auf.“ Kritik am Stück, das gleichrangig mit der Ilias sein sollte, verbat er sich – mit einer Ausnahme: „Wer mich jedoch außer Göthe tadelt, bekommt Götz von Berlichingen’s Antwort.“

Der Sendung an Goethe lag ein Brief bei, der heute vorne im Buch klebt: „Wenn Sie menschliches Gefühl für einen namenlos Leidenden besitzen, dem man den letzten Broken Ehre rauben will, so bittet Sie fußfälligst um Rettung und öffentliche Anzeige ihr ergebenster Franz Wilhelm Sieber.“ Erhört wurde seine Bitte nicht, aber Goethe notierte im Tagebuch: „Hier kann man nicht sagen, in diesem Wahnsinn ist Methode, aber dieser Wahnsinn beherrscht ein unglaubliches Wissen." 1844 starb Sieber, längst geistig umnachtet, im Prager Irrenhaus.


 

Bruder Grimm

Eine wunderschöne Zusammenstellung von Bildnissen, Tierstudien und italienischen Reisemotiven enthalten die zwei Hefte Radirte Blätter nach der Natur von Ludwig Emil Grimm (1790–1863), die Goethe am 8. Juli 1823 erhielt. Der jüngere, weniger bekannte Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm schuf ein umfangreiches Werk aus Radierungen, Zeichnungen, Ölbildern und Aquarellen. Seine Arbeit an dem im Selbstverlag herausgegebenen Mappenwerk begann bereits im Jahr 1818, das er auch auf Umschläge drucken ließ, wobei die Ziffer für das gelieferte Heft frei blieb. Erst 1823 beendete er sein Vorhaben. Wohlwollend besprach Goethe die zugesandten Radierungen im vierten Band der Zeitschrift Ueber Kunst und Alterthum. Trotz mehrerer Treffen und obwohl Ludwig Grimm Goethe gern porträtiert hätte, kam es aufgrund seiner zurückhaltenden Art zu keiner weiteren Annäherung. Persönliche Vermittlungen liefen über seine Brüder oder Bettina von Arnim (Brentano), die ihn zeitlebens unterstützte. 

Bei der hier vertieft in das Buch schauenden jungen Dame handelt es sich um Karoline Claudine Brentano, dreizehnjährige Tochter von Georg Brentano, die Grimm während eines Besuchs 1817 in Rödelheim zeichnete und später als zierliche Radierung ausführte. Ebenso feingliedrig radiert ist ein Brustbild der „Märchenfrau“ Dorothea Viehmann, einer der wichtigsten Beiträgerinnen für die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen.

Ludwig Emil Grimm: Radirte Blätter nach der Natur, [1822] © Klassik Stiftung Weimar
Ludwig Emil Grimm: Radirte Blätter nach der Natur, [1822] © Klassik Stiftung Weimar

 

Goethe kocht

Gemeinnützige Koch- und Wirthschaftbuch, 1802 © Klassik Stiftung Weimar
Gemeinnützige Koch- und Wirthschaftbuch, 1802 © Klassik Stiftung Weimar

… wenn auch leider nicht selbst. In der Bibliothek des Dichters findet man nicht nur Hochgeistiges, sondern auch Bücher zu ganz alltäglichen Dingen. Zum Beispiel Kochbücher. Die meisten Kochrezepte wurden um 1800 noch von Mund zu Mund weitergegeben oder in handschriftlichen Sammlungen abgelegt. Auch Goethes Sohn August und seine Schwiegertochter Ottilie sammelten solche Anleitungen, vor allem zu alkoholischen Getränken. (Ob ihr Punschkonsum mit dem von E.T.A. Hoffmann mithalten konnte, lässt sich leider nicht mehr prüfen.)

Für ein aufstrebendes Bürgertum gab es aber auch schon einen Markt für gedruckte Kochbücher. Einige davon stehen auch in Goethes Bibliothek – wie dieses Gemeinnützige Koch- und Wirthschaftbuch von 1802. Gleich in der Einleitung wird „jede[ ] Hausmutter und Köchin“ zu drei Tugenden angehalten, nämlich zu „Reinlichkeit“, „Bedachtsamkeit“ und „Sparsamkeit“. Dann folgen auch schon die Rezepte, wobei es sich vor allem um verschiedene Arten von Fleisch- und Fischgerichten handelt.

An einigen Stellen im Buch finden sich Eselsohren. Mit ihnen wurden vermutlich Stellen markiert, die man für wichtig hielt. Es geht um Erkrankungen von Rindern und Schweinen und die Auswirkung auf die Zubereitung des Fleisches sowie Rezepte für Gedämpfte Tauben und Saure Eier. Allerdings kann man nicht mehr feststellen, ob die Knicke zu Goethes Lebzeiten oder erst später ins Buch gekommen sind.

Dass Goethe oder seine Frau Christiane die Rezepte selbst ausprobiert hätten, ist nicht anzunehmen. In dieser Schicht hatte man einen Koch oder, noch öfter, eine Köchin. Was auf den Tisch kam, entschieden allerdings der Herr und die Dame des Hauses – und dafür lieferten solche Rezeptbücher wertvolle Anregungen. Die Ess- und Trinkgewohnheiten im klassischen Weimar waren 2016 auch Gegenstand der Ausstellung Sardellen Salat sehr gut im Goethe- und Schiller-Archiv.


 

Weimarer Innovation

Neben der geistigen Nahrung bedarf es auch Speis und Trank. Was zu Goethes Zeiten auf den Tisch kam, vermitteln Rechnungen und Haushaltsbücher, aber auch Briefe und im hauseigenen Garten angebautes Gemüse. Von neuen Wegen der Zubereitung um 1815 erfahren wir über eine Anzeige der neuen Erfindung der Dampf-Küche, die extra ausgeschnitten in die darauf Bezug nehmende Kleine Abhandlung über die Dampfküche : als Beitrag zur Verbesserung des Koch- und Küchenwesens eingelegt war, was Goethes Interesse an diesem Thema vermuten lässt.

Die Methode mit Wasserdampf zu kochen war nicht neu. Aber Ernst Querner (1790–1862), Inhaber der Großherzoglich privilegierten Metallwaaren-Fabrik in Weimar, arbeitete daran, das Koch- und Küchenwesen zu verbessern. Insbesondere ging es ihm darum Holz und Zeit einzusparen. Daher fertigte er einen Apparat, mit dem über einer Feuerstelle verschiedene Speisen – Kartoffeln, Kohl und Fleisch – in mehreren Töpfen gleichzeitig gegart werden konnten. Der Dampf des in einem Kessel siedenden Wassers wird über Röhren in 2 oder 3 Gefäße geleitet. Dazu ist noch eine Bratröhre mit Pfanne und in der Röhre ein Blech zum Backen angebracht. So kann man nic­­­ht nur für 6 Personen oder mehr in 30 bis 50 Minuten alle Speisen völlig gar kochen, sondern nebenbei auch einen sehr großen Raum heizen. Bei einer seiner Vorführungen wurde es so warm, dass eine Nebentür geöffnet werden musste.

Querners Errungenschaft fand überregional Erwähnung im Wöchentlichen Anzeiger für Kunst- und Gewerbefleiß im Königreich Baiern (1816) oder auch i­­­n der Geschichte der Erfindungen in allen Theilen der Wissenschaften und Künste (1821).

Passend zu diesem kleinen Ausflug in die Kunst des Kochens wird im nächsten Beitrag ein Kochbuch vorgestellt, das nicht nur für die Quernersche Küche geeignete Speisen beinhaltet, sondern auch wertvolle Gesundheitstipps bereithält.

Ernst Querner: Anzeige der neuen Erfindung der Dampf-Küche, 1815 © Klassik Stiftung Weimar
Ernst Querner: Anzeige der neuen Erfindung der Dampf-Küche, 1815 © Klassik Stiftung Weimar

 

Wallende Wasser

Eugen Napoleon Neureuther: Randzeichnungen zu den Dichtungen der deutschen Classiker, 1831 © Klassik Stiftung Weimar
Eugen Napoleon Neureuther: Randzeichnungen zu den Dichtungen der deutschen Classiker, 1831 © Klassik Stiftung Weimar

Zu den Künstlern, die Goethe im Alter besonders schätzte, gehörte der junge Eugen Napoleon Neureuther (1806–1882). Schon von seinen Randzeichnungen zu Goethe's Balladen und Romanzen war Goethe sehr angetan, lobte das „Eigenthümliche Ihres schönen Talents“ und „die glückliche Naivität Ihrer Conceptionen“. Er sah ihn als von Albrecht Dürer inspiriert, merkte aber an, Neureuther sei kein „unbeholfener flacher Nachahmer“ von dessen Zeichnungen, sondern habe „den Geist derselben erfaßt“ und schöpfe „aus eigner vollströmenden Quelle“.

Von Goethes Lob beflügelt, nahm Neureuther dessen Dichtungen auch in seinen nächsten Zyklus auf. Das waren die ab 1831 erscheinenden Randzeichnungen zu den Dichtungen der deutschen Classiker, von denen er Goethe zu Lebzeiten noch das erste Heft zusenden konnte. Auf diesem Bild gestaltet er Goethes Zauberlehrling, der Künstler schon immer inspirierte – bis hin zu Walt Disneys Fantasia (1940) und charmanten Adaptionen in Lego. Neureuther nähert sich seinem Stoff auf ungewöhnliche Weise. Statt der Besen, die die Fluten hereintragen, bespuckt ihn allerlei Wassergetier. Lediglich das eulenartige Wesen über seinem Kopf könnte einer der beschworenen Geister sein. Was die Lithographie besonders schön einfängt, ist die Hilflosigkeit des überforderten Jünglings. Unten rechts erkennt man Neureuthers Signatur, die sich tatsächlich an Dürer anlehnt.

Neureuther gilt als einer der besten Illustratoren der Romantik. Als Sohn des bayerischen Hofmalers Ludwig Neureuther besuchte er die Münchner Kunstakademie. Seine Lithographien zur deutschen Literatur machten ihn schnell berühmt. Außer dem Zauberlehrling enthält das hier gezeigte Heft noch Schillers Taucher, Wielands Der Vogelsang oder Die drei Lehren sowie das Gedicht An die Künstler aus der Feder des bayerischen Königs Ludwig I. Übrigens war Neureuther einer der ersten, die Goethe als „Classiker“ bezeichneten – fast zehn Jahre vor Heinrich Laubes Geschichte der deutschen Literatur (1839), die meist als frühester Beleg gilt.  


 

Verliehene Werke

Über historische Ausleihjournale ist überliefert, dass Goethe zahlreiche Bände aus der herzoglichen Bibliothek ausgeliehen hat. Wiederum verborgte er selbst Bücher aus seiner Privatbibliothek, vermerkt auf einem in den Catalogus Bibliothecae Goethianae eingelegten unscheinbaren Zettel.

Mit dem ersten Eintrag über Ursula, princesse Britannique von Keverberg van Kessel an Sulpiz Boissée am 17. April 1820 liegt ein Missverständnis vor. Zwar schickte ihm Goethe diesen Band zu, jedoch bat Boisserée nicht um den Druck, sondern um eine Zusendung der Zeichnungen des Brügger Ursulaschreins für Vergleichsstudien, was einem Brief vom 1. Mai zu entnehmen ist. Während dieses Buch wieder in Goethes Bibliothek steht, ist der Band „Spec. Asterum“ von Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck der „nach Belvedere“ verliehen wurde, verloren gegangen. Der folgende Eintrag „Büschings Wöchentl. Nachrichten das Heft wo von den Bildnißen Christi die Abhandlung steht“ belegt eine Ausleihe des dritten Bandes, Stück 2, 1817 der Zeitschrift Wöchentliche Nachrichten für Freunde der Geschichte, Kunst und Gelahrtheit des Mittelalters, der wieder zurück gegeben worden ist. Heute nicht mehr existent ist der Band Die Papierfenster eines Eremiten von Karl Immermann, den Goethe „Fr. von Pogwisch“ leihweise überlassen hatte. Infrage kommen Henriette von Pogwisch oder ihre Tochter Ulrike von Pogwisch, der Mutter und Schwester seiner Schwiegertochter Ottilie.

Unter den heute nicht mehr in Goethes Bibliothek vorhandenen Bänden befinden sich vielleicht noch weitere verborgte Exemplare, deren Spuren nicht mehr zu verfolgen sind. Nicht ohne Grund hat Goethe im Juni 1815 folgenden Aufruf in das Weimarische Wochenblatt setzen lassen: „Vermißt. Da man bei Gelegenheit der Revision der Bibliothek des Herrn Geheimerath von Goethe mehrere Werke vermißt; so werden alle diejenigen, welche aus selbiger Bücher geliehen erhalten, freundlich ersucht, solche bald möglichst in das Goethesche Haus zurück zu liefern“.

[Verliehene Werke], eingelegter Zettel © Klassik Stiftung Weimar
[Verliehene Werke], eingelegter Zettel © Klassik Stiftung Weimar

 

Singende Steine

[Christian August Vulpius]: Die Stimmen der Steine, 1822 © Klassik Stiftung Weimar
[Christian August Vulpius]: Die Stimmen der Steine, 1822 © Klassik Stiftung Weimar

Goethes Bibliothek steckt voller Gelegenheitsschriften – Gedichte, Reden und Predigten zu allen möglichen Anlässen, von der privaten Hochzeit bis zum Staatsbesuch. Viele davon sind heute selten, weil kaum jemand sie aufbewahrte.

Das Gedicht Die Stimmen der Steine ist ein besonders charmantes Beispiel. Goethes Schwager Christian August Vulpius schrieb es zu Ehren des Geologen Johann Georg Lenz, der 1822 den fünfzigsten Jahrestag seiner Habilitation an der Universität Jena feierte. Ihm zu Ehren lässt Vulpius die verschiedenen Gesteinsarten singen, zum Beispiel die Fossilien: „Aus der Fluthen tiefen Schlünden / Zog’s uns in der Saale Thal […] Bei Korallen und Granaten, / Blicken wir Dich freundlich an, / Der uns allen keinen Schaden, / Aber Ehre angetan.“ Vulpius‘ Gedicht war der Festbeitrag der Großherzoglichen Bibliothek in Weimar, der heutigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

Auch sonst war das Fest reich an Höhepunkten, wie man in der Allgemeinen Literatur-Zeitung nachlesen kann. Goethe verlas ein eigenes Gedicht, zu dem Großherzog Carl August eine spektakuläre Torte in Form eines Vulkans auffahren ließ. Auf einen Wink brachte die Torte eine Verdienstmedaille für Lenz zum Vorschein.

Nach seiner Habilitation hatte der 1748 geborene Wissenschaftler zuerst auf dem Gebiet der Klassischen Philologie gearbeitet. Doch schon bald wandte er sich der Geologie zu und wurde auf diesem Gebiet einer von Goethes engsten Austauschpartnern. An der Universität Jena hielt er als erster Vorlesungen auf diesem Gebiet ab. Mit der „Societät für die gesammte Mineralogie in Jena“ begründete er die erste geowissenschaftliche Gesellschaft der Welt. Lenz war nicht nur ein Generationsgenosse Goethes, er starb auch wenige Wochen vor ihm, am 28. Februar 1832.


 

Aus Kindertagen

Zu den besonderen Einlagen in Goethes Büchern gehört eine durchgepauste Bleistiftzeichnung auf Transparentpapier mit handschriftlichem Zusatz. Abgebildet ist der thronende König Gunther, Herrscher über Burgund und einer der Hauptakteure des Nibelungenliedes. Tatsächlich war das Papier in den von Franz Rudolph Hermann herausgegebenen Band Die Nibelungen eingelegt. Als Vorlage diente jedoch die erste kolorierte Tafel der Heldenbilder aus den Sagenkreisen Karls des Großen, herausgegebenen von Friedrich Heinrich von der Hagen.

Möglicherweise handelt es sich um eine Zeichnung von Goethes Enkeln. Neben den wohl von Kinderhand geführten Linien ist auch die darunter angefügte Notiz „König Gunther Nibelungen“ von kindlichem Duktus. Überliefert ist zumindest, dass sich sein Enkel Wolfgang sehr oft in seinem Arbeitszimmer aufhielt und Goethe für ihn einen kleineren Schreibtisch anfertigen ließ, der heute noch unter dem rechten Fenster des Zimmers steht. Auch heißt es in einem Tagebucheintrag vom 9. März 1830 über seinen 9-jährigen Enkel: „Wölfchen beschäftigte sich mit Durchzeichnen“.

Noch in mindestens drei weiteren Bänden der Bibliothek finden sich Spuren von Kinderhand.

König Gunther, Zeichnung auf Transparentpapier © Klassik Stiftung Weimar
König Gunther, Zeichnung auf Transparentpapier © Klassik Stiftung Weimar

 

Wunderliches Zeug

Carl Lauter: Prinz Hugo, 1831 © Klassik Stiftung Weimar
Carl Lauter: Prinz Hugo, 1831 © Klassik Stiftung Weimar

Mehr als ein Drittel von Goethes Bibliothek bestand aus Bucheinsendungen anderer Autor*innen. Viele von ihnen kamen ungebeten, wie das Theaterstück Prinz Hugo. Autor Carl Lauter studierte bei Goethes Freund Karl Friedrich Zelter und drängte es dem Komponisten förmlich auf. Entnervt schrieb er an Goethe: „Es kommt das Schicksal. Einer meiner Studenten bringt mir ein Trauerspiel: Prinz Hugo. fix und fertig, gedruckt, gebunden und alles, und fragt: ob ers wohl Dir senden dürfe? – Ist das nicht zum Entsetzen?“

Lauters Stück erschien im Selbstverlag und ist eine wenig originelle Mixtur aus Bruchstücken anderer Autoren. Shakespeares Hamlet, Kleists Käthchen von Heilbronn und Goethes eigener Götz von Berlichingen sind nur die offensichtlichsten Zutaten. Am 1. März 1832 schrieb Goethe kopfschüttelnd ins Tagebuch: „Auch ein Trauerspiel: Prinz Hugo von Carl Lauter. Was für wunderliches Zeug in den Köpfen der jungen Leute spukt; wenn sie doch nur im Theater sitzend lernten, was da droben geht und nicht geht.“ Das Buch selbst schenkte er seinem Enkel Wolfgang Maximilian.

Auch andere konnten nur wenig mit Prinz Hugo anfangen. Die Allgemeine Literatur-Zeitung sprach zwar von „einer gewissen Bühnen-Reife“, meinte aber auch, so etwas könne sich „so phantastisch nur in dem Gehirne eines noch ganz jungen, mit Hof und Welt gänzlich unbekannten […] Dichter bilden“. Weniger höflich war das Morgenblatt für gebildete Leser. Hier bemängelte man die „Langweiligkeit“ des Stücks und „die ganz unerträgliche Manier, in der fast jede Phrase doppelt gesagt wird“. Carl Lauter nahm sich die Kritik wohl zu Herzen. Offenbar hat er nie wieder ein Buch geschrieben.


 

Blühende Verehrung

Zu den zahlreichen Ehrungen Goethes zu Lebzeiten gehören auch naturwissenschaftliche Objekte, die nach ihm benannt worden sind. So trägt eine rot blühende, im brasilianischen Regenwald beheimatete, Pflanze aus der Familie der Malvengewächse seinen Namen. Beschrieben wurde diese unter dem Titel Goethea, Novum Plantarum Genus von Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (17761858). Mit dem befreundeten Botaniker führte Goethe einen regen Briefwechsel und übersandte ihm regelmäßig seine Hefte Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie.

Am 5. April 1823 sendet von Esenbeck seinen zusammen mit Carl Friedrich Philipp von Martius (1794–1868) verfassten Aufsatz über die Goethea als Sonderdruck mit den einleitenden Worten in dem dazugehörigen Brief: „Ich habe gewagt, den theuern Namen, der in so vielen Herzen lebt, an eine Pflanzengattung zu verleihen“. Zusätzlich zu den ohnehin vorhandenen Tafeln, die Esenbeck nicht ganz gefallen, fügt er in einer Rolle mit zwei weiteren Abdrucken von Eduard d'Alton (nach Th. Wild) hinzu. Vermutlich handelt es sich dabei um die beiden kolorierten Tafeln in Folioformat.

Chr. G. D. Nees von Esenbeck/C. Fr. Ph. von Martius: Goethea, Novum Plantarum Genus A Serenissimo Principe Maximiliano, Neovidensi, Ex Itinere B rasiliensi Relatum, 1823 © Klassik Stiftung Weimar
Chr. G. D. Nees von Esenbeck/C. Fr. Ph. von Martius: Goethea, Novum Plantarum Genus A Serenissimo Principe Maximiliano, Neovidensi, Ex Itinere B rasiliensi Relatum, 1823 © Klassik Stiftung Weimar

 

Gemalter Marmor

Laurence Sterne: The Life And Opinions Of Tristram Shandy, Gentleman, 1792 © Klassik Stiftung Weimar
Laurence Sterne: The Life And Opinions Of Tristram Shandy, Gentleman, 1792 © Klassik Stiftung Weimar

Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy (1759–1767) gehört zu den großen Werken der humoristischen Literatur. Sterne war ein Virtuose des spielerischen Umgangs mit der Romanform, der auch Goethe bei seinem Wilhelm Meister inspirierte. Goethe nannte Sterne einen „Mann, dem ich so viel verdanke“ und schätzte ihn als jemanden, „der die große Epoche reinerer Menschenkenntnis, edler Duldung, zarter Liebe in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zuerst angeregt und verbreitet hat.“

 

Sternes Tristram Shandy spielt auch auf materieller Ebene mit der Buchform. Laut Text sind je ein schwarzes, ein weißes und ein marmoriertes Blatt in den Buchblock einzubinden. In diesem Exemplar aus Goethes Bibliothek, 1792 in Altenburg gedruckt, hatte der Verlag offenbar kein Buntpapier zur Hand. Stattdessen: eine handgemalte Marmorstruktur.

 

Mit Dank an Frank Sellinat.