Goezwitscher

 

Unter dem Hashtag  #goezwitscher zeigen wir in unserem Twitter-Account @MWWForschung regelmäßig besondere Funde aus Goethes Privatbibliothek. Während auf Twitter nur ein kurzer Einblick gewährt werden kann, stellen wir unsere Exponate im Virtuellen Forschungsraum näher vor. Das gewählte Format kommt unserem Anliegen nach, aus der laufenden Forschungsarbeit zu berichten. Hier präsentieren wir ausgewählte Bücher, Details, Lieblingsstücke, Unikates oder auch Komisches – zusätzlich zu (virtuellen) kuratierten Ausstellungen zur Bibliothek, die wir ebenfalls im Virtuellen Forschungsraum zeigen möchten.

 

Die Privatbibliothek Goethes umfasst mehr als 7000 Bände und steht gewöhnlich in Goethes Haus am Weimarer Frauenplan, dem heutigen Goethe-Nationalmuseum. In einem an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek angesiedelten Projekt des Forschungsverbunds Marbach Weimar Wolfenbüttel werden die Bücher seit 2016 katalogisiert und erforscht. Über das Angebot Goethe Bibliothek Online sind sowohl die Bände aus Goethes Privatbibliothek als auch seine Ausleihen aus der herzoglichen Bibliothek recherchierbar. Mehr als 2000 ausgewählte Bände werden sukzessiv digitalisiert und über die Digitalen Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek präsentiert.

 

Auswahl und Texte: Ulrike Trenkmann / Stefan Höppner


 

Prominent ignoriert

Heinrich Heine – so hieß einer der vielen Nachwuchsautoren, die Goethe im Alter mit Büchern überhäuften. Dreimal versuchte er mit seinen Schriften, die Aufmerksamkeit des alten Dichters zu gewinnen. Zunächst mit seinem Erstling Gedichte (1822) und den Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo (1823). Doch Goethe reagierte nicht, ebenso wenig wie bei vielen anderen deutschsprachigen Autoren der Zeit. Die Tragödien schenkte er später seinem theaterbegeisterten Enkel Wolfgang. Auch als ihn der junge Dichter besuchte, ließ er nur lapidar notieren: „Heine von Göttingen“.

Heine war vergrätzt. Einem Freund schrieb er, der alte Goethe sei „nur noch das Gebäude worinn einst herrliches geblüht […]. Er hat ein wehmüthiges Gefühl in mir erregt, und er ist mir lieber geworden, seit ich ihn bemitleide. Im Grund aber sind Ich und Göthe zwey Naturen die sich in ihrer Heterogenität abstoßen müssen.“

1826 wagte Heine einen letzten Versuch – mit seinen Reisebildern, darin auch seine legendäre Harzreise. Seine Widmung schrieb er auf das Schmutztitelblatt: „Sr. Excellenz d Herrn Geheimrath v. Göthe übersendet dieses Buch, als ein Zeichen der höchsten Verehrung und Liebe der Verfasser.“ Doch er wurde auch diesmal ignoriert. Erst Anfang der 1830er Jahre erlebte Heine mit seinen Reisebildern einen Durchbruch beim Publikum. Auf Goethe kam er immer wieder zurück, etwa in der Romantischen Schule. Trotz der früheren Ablehnung zeichnete Heine stets ein nuanciertes Bild des Weimarer Dichters, mit Licht- und Schattenseiten.


 

Dekorative Räume

Beeindruckende Kulissen zu erschaffen, dies vermochte der Theatermaler und Dekorateur Friedrich Christian Beuther (1777–1856), den Goethe 1815 für das Weimarer Hoftheater gewinnen konnte und von dem er lobend berichtet: ein „Künstler, der durch perspektivische Mittel unsere kleinen Räume ins Grenzenlose zu erweitern, durch charakteristische Architektur zu vermannigfaltigen und durch Geschmack und Zierlichkeit höchst angenehm zu machen wußte.“ Zudem unterbreitete er der Theaterkommission Reformvorschläge, die unter anderem die Handhabung der einzelnen Dekorationsteile und das Agieren der Schauspieler auf der Bühne beinhaltet. Mit Goethes Abgabe der Theaterleitung und den sich damit ändernden Konditionen seiner Anstellung verließ Beuther die Stadt schon 1818 wieder und setzte sein Schaffen am Braunschweiger Nationaltheater fort.

Links abgebildet ist ein Ausschnitt von dem Tempel der Isis aus Mozarts Die Zauberflöte, die zu den am häufigsten aufgeführten Opern am Weimarer Hoftheater zählt. Der großformatige Einblattdruck, eine farbige Aquatinta, gehört zu den 1816 von Beuther veröffentlichten Dekorationsentwürfen. Drei der insgesamt sechs Bilder entstanden für Aufführungen in Weimar (Die Zauberflöte und Titus). Später erschienen in zwei Lieferungen Dekorationen für die Schaubühne – 1824 mit einem Vorwort über Theatermalerei und 1828. Beide Werke sind in Goethes Privatbibliothek erhalten. Weitere Blätter werden in den Graphischen Sammlungen der Klassik Stiftung Weimar aufbewahrt.        

Die gelobte Dekorationsmalerei beruhte nicht nur auf seinem künstlerischen Talent, sondern auch auf der intensiven Beschäftigung mit der bildlichen Inszenierung, die auf Motivstudien, aber auch eigenen Arbeiten zur Perspektive und Farbenlehre beruhen. So erwähnt Goethe in seinen Tag- und Jahresheften von 1815, dass er „auf der Weimarischen Bibliothek die ägyptische so wie die altdeutsche Bauart [studirte]“. Tatsächlich ist in dem Ausleihjournal aus diesem Jahr unter den letzten beiden Einträgen neben dem Werk Ueber Newtons Farbtheorie auch die Baukunst der Aegypter von del Rosso verzeichnet. Ein Jahr nach Goethes Tod publizierte Beuther eine Kurze Anweisung zur Linear-Perspektive und eine Abhandlung Über Licht und Farbe, die sicherlich Goethes Interesse gestoßen wären.


 

Angestrichene Kunst

Goethe war ein leidenschaftlicher Sammler –  Nicht nur Kunstwerken galt sein Interesse, sondern auch vielen anderen Objekten. Dazu gehören Mineralien und andere Naturgegenstände, Münzen, Gemmen und glasierte farbige Keramik aus der italienischen Renaissance, so genannte Majolika. Sammeln hatte für Goethe eine existenzielle Bedeutung: „Ich habe nicht nach Laune und Willkühr, sondern jedesmal mit Plan und Absicht zu meiner eignen folgerechten Bildung gesammelt und an jedem Stück meines Besitzes etwas gelernt.“ Dem Thema widmete er mit Der Sammler und die Seinigen sogar einen kleinen Briefroman. Der finanzielle Wert der Objekte war ihm eher unwichtig.

Aber woher kamen die Gegenstände? Einiges wurde Goethe von seinen Korrespondenten zugesandt, wie in der Ausstellung Allerlei Mitgeschicktes im Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv zu sehen war. Doch bei vielen der etwa 50.000 Objekte kennt man die genaue Herkunft bis heute nicht.

Vieles beschaffte sich Goethe wohl über Auktionshäuser. Zunächst bekam er die Kataloge, in denen er Objekte anstrich, für die er sich interessierte und beauftragte dann Mittelsmänner, die auch selbst Kunsthändler sein konnten. Hier als Beispiel ein Katalog mit den Sammlungen des Dresdner Kunsthistorikers Wilhelm Gottlieb Becker (1753–1813). Veranstaltet wurde die Auktion von Johann August Gottlob Weigel (1773–1846) in Leipzig, einem von Goethes bevorzugten Kunsthändlern. Ob Goethe dort etwas erwarb, ist bisher nicht untersucht. Jedenfalls schickte ihm Weigel später ein Exemplar des Katalogs mit den erzielten Preisen. Meist wurden solcher Kataloge nach den Auktionen weggeworfen. Goethe bewahrte dagegen Dutzende von ihnen auf – eine besondere Teilsammlung seiner reichen Bibliothek.    


 

Gütige Aufnahme

Georg Friedrich Wilhelm Hegel  (1770 – 1831) gehörte zu den Philosophen, die Goethe schätzte. Beide lernten einander in Jena kennen, wo Hegel sieben Jahre lang an der Universität lehrte. Goethe war besonders erfreut, dass Hegel seine Farbenlehre positiv aufnahm. Sein Dank war ein Trinkglas mit der Inschrift „Dem Absoluten empfiehlt sich schönstens zur freundlichen Aufnahme das Urphänomen“. Dieser Spruch fasst die Beziehung der beiden perfekt zusammen: Sie schätzten einander, fanden aber nicht zum philosophischen Konsens. „Das Urphänomen“ und „das Absolute“ waren nie völlig zur Deckung zu bringen. Soviel man weiß, setzte Goethe sich auch nie gründlich mit Hegels Philosophie auseinander. 

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Beide blieben lebenslang in Kontakt, und Hegel schickte gelegentlich Bücher an Goethe. So auch seine Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, die 1827 auf die Reise ging. Hier geht es Hegel um das System seiner eigenen Philosophie, gedrängt zusammengefasst für seine Vorlesungen. Es handelt sich um die doppelt so dicke Neuauflage des Buches, in dem er sich auch über die Farbenlehre geäußert hatte. Auf der Innenseite des Vorderdeckels ist eine handschriftliche Widmung eingetragen, in der Hegel ihm das Buch ‚zur gütigen Aufnahme‘ empfiehlt – unser Gruß zum 250. Geburtstag des Philosophen.


 

Sandige Klänge

Die abgebildete Tafel gehört zu dem Werk Entdeckungen über die Theorie des Klanges, verfasst 1787 von Ernst Florens Friedrich Chladni (1756–1827), der als deutscher Physiker mit musischen Interessen vor allem durch seine Arbeiten zur experimentellen Akustik bekannt wurde. Mit diesen zeigte er, dass auf mit Sand bestreuten dünnen runden oder quadratischen (Metall)Platten Muster und Knotenlinien entstehen, wenn diese in Schwingungen versetzt werden, indem an einer Kante mit einem Geigenbogen entlang gestrichen wird. Diese Chladnischen Klangfiguren sind auf der Abbildung zu sehen.

Auf der letzten Seite von Goethes Exemplar war ein Folioblatt eingeklebt, das derartige Klangfiguren als Bleistiftzeichnung enthält. Zusätzlich ist ein Zettel mit einer Skizze in Tinte aufgeklebt, die eine Apparatur zum Einspannen einer Metallplatte zeigt. Vermutlich stehen diese Studien in Zusammenhang mit Goethes eigenen Experimenten zur Farbenlehre, besonders den entoptischen Farben, deren Erscheinung er mit den Chladnischen Tonfiguren verglich.  

Auch wenn der Musiker Zelter an Goethe in einem Brief über Chladnis Vortragsstil berichtet, dass seine Zuhörerschaft teils „sanft eingeschlafen ist“, so schreibt Goethe lobend in Zur Naturwissenschaft überhaupt: „Dank ist ihm die Welt schuldig, dass er den Klang allen Körpern auf jede Weise zu entlocken, zuletzt sichtbar zu machen verstanden.“ 

Chaldnis Hauptwerk Die Akustik erhielt Goethe vom Autor persönlich, als dieser im Januar 1803 in Weimar verweilte. Allerdings ist dieser Band heute nicht mehr in Goethes Privatbibliothek vorhanden.


 

Armes Genie

Der 1789 geborene Botaniker Franz Wilhelm Sieber war nicht nur ein Weltreisender, er war auch ein Universalgenie des 19. Jahrhunderts. Zumindest sah er sich selbst so.

In Prag geboren und aufgewachsen, reiste Sieber bis nach Australien, Ägypten, Südafrika und Mauritius. Unterwegs sammelte er vor allem Pflanzen, aber auch Tiere und kulturelle Artefakte und publizierte zu all diesen Gebieten. Als Botaniker fand er schnell Anerkennung. Er geriet jedoch zunehmend mit seinen Fachkollegen aneinander und litt unter ständigem Geldmangel. Diese Faktoren trieben ihn zunehmend in den Verfolgungswahn.

Sein Buch Der erste Frühlings-Tag für Europa (1829) war Siebers „letzter Versuch […], in die bürgerliche Gesellschaft zurückzutreten“.  Es sollte fast alle Probleme der Menschheit lösen: Sieber schlug darin nicht nur ein Mittel gegen die Tollwut vor, damals „Wasserscheu“ genannt. Er ‚widerlegte‘ auch Newtons Theorie der Schwerkraft, schlug eine rationale Ordnung aller europäischen Staaten vor und trat für eine ‚vergleichende‘ Medizin und Pflanzenkunde ein. Eingestreut sind Beleidigungen gegen Herder, Zahlenmystik und Vermutungen zum griechischen Ursprung der slawischen Sprachen.

Von seinem Drama Die Bürgschaft nach Schiller war Sieber besonders überzeugt: „Drey der besten Stücke Schakespear’s: Romeo, Lear und Hamlet zusammengeschmolzen, […] wiegen alle zusammen, meine Bürgschaft nicht auf.“ Kritik am Stück, das gleichrangig mit der Ilias sein sollte, verbat er sich – mit einer Ausnahme: „Wer mich jedoch außer Göthe tadelt, bekommt Götz von Berlichingen’s Antwort.“

Der Sendung an Goethe lag ein Brief bei, der heute vorne im Buch klebt: „Wenn Sie menschliches Gefühl für einen namenlos Leidenden besitzen, dem man den letzten Broken Ehre rauben will, so bittet Sie fußfälligst um Rettung und öffentliche Anzeige ihr ergebenster Franz Wilhelm Sieber.“ Erhört wurde seine Bitte nicht, aber Goethe notierte im Tagebuch: „Hier kann man nicht sagen, in diesem Wahnsinn ist Methode, aber dieser Wahnsinn beherrscht ein unglaubliches Wissen." 1844 starb Sieber, längst geistig umnachtet, im Prager Irrenhaus.


 

Bruder Grimm

Eine wunderschöne Zusammenstellung von Bildnissen, Tierstudien und italienischen Reisemotiven enthalten die zwei Hefte Radirte Blätter nach der Natur von Ludwig Emil Grimm (1790–1863), die Goethe am 8. Juli 1823 erhielt. Der jüngere, weniger bekannte Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm schuf ein umfangreiches Werk aus Radierungen, Zeichnungen, Ölbildern und Aquarellen. Seine Arbeit an dem im Selbstverlag herausgegebenen Mappenwerk begann bereits im Jahr 1818, das er auch auf Umschläge drucken ließ, wobei die Ziffer für das gelieferte Heft frei blieb. Erst 1823 beendete er sein Vorhaben. Wohlwollend besprach Goethe die zugesandten Radierungen im vierten Band der Zeitschrift Ueber Kunst und Alterthum. Trotz mehrerer Treffen und obwohl Ludwig Grimm Goethe gern porträtiert hätte, kam es aufgrund seiner zurückhaltenden Art zu keiner weiteren Annäherung. Persönliche Vermittlungen liefen über seine Brüder oder Bettina von Arnim (Brentano), die ihn zeitlebens unterstützte. 

Bei der hier vertieft in das Buch schauenden jungen Dame handelt es sich um Karoline Claudine Brentano, dreizehnjährige Tochter von Georg Brentano, die Grimm während eines Besuchs 1817 in Rödelheim zeichnete und später als zierliche Radierung ausführte. Ebenso feingliedrig radiert ist ein Brustbild der „Märchenfrau“ Dorothea Viehmann, einer der wichtigsten Beiträgerinnen für die Sammlung der Kinder- und Hausmärchen.


 

Goethe kocht

… wenn auch leider nicht selbst. In der Bibliothek des Dichters findet man nicht nur Hochgeistiges, sondern auch Bücher zu ganz alltäglichen Dingen. Zum Beispiel Kochbücher. Die meisten Kochrezepte wurden um 1800 noch von Mund zu Mund weitergegeben oder in handschriftlichen Sammlungen abgelegt. Auch Goethes Sohn August und seine Schwiegertochter Ottilie sammelten solche Anleitungen, vor allem zu alkoholischen Getränken. (Ob ihr Punschkonsum mit dem von E.T.A. Hoffmann mithalten konnte, lässt sich leider nicht mehr prüfen.)

Für ein aufstrebendes Bürgertum gab es aber auch schon einen Markt für gedruckte Kochbücher. Einige davon stehen auch in Goethes Bibliothek – wie dieses Gemeinnützige Koch- und Wirthschaftbuch von 1802. Gleich in der Einleitung wird „jede[ ] Hausmutter und Köchin“ zu drei Tugenden angehalten, nämlich zu „Reinlichkeit“, „Bedachtsamkeit“ und „Sparsamkeit“. Dann folgen auch schon die Rezepte, wobei es sich vor allem um verschiedene Arten von Fleisch- und Fischgerichten handelt.

An einigen Stellen im Buch finden sich Eselsohren. Mit ihnen wurden vermutlich Stellen markiert, die man für wichtig hielt. Es geht um Erkrankungen von Rindern und Schweinen und die Auswirkung auf die Zubereitung des Fleisches sowie Rezepte für Gedämpfte Tauben und Saure Eier. Allerdings kann man nicht mehr feststellen, ob die Knicke zu Goethes Lebzeiten oder erst später ins Buch gekommen sind.

Dass Goethe oder seine Frau Christiane die Rezepte selbst ausprobiert hätten, ist nicht anzunehmen. In dieser Schicht hatte man einen Koch oder, noch öfter, eine Köchin. Was auf den Tisch kam, entschieden allerdings der Herr und die Dame des Hauses – und dafür lieferten solche Rezeptbücher wertvolle Anregungen. Die Ess- und Trinkgewohnheiten im klassischen Weimar waren 2016 auch Gegenstand der Ausstellung Sardellen Salat sehr gut im Goethe- und Schiller-Archiv.


 

Weimarer Innovation

Neben der geistigen Nahrung bedarf es auch Speis und Trank. Was zu Goethes Zeiten auf den Tisch kam, vermitteln Rechnungen und Haushaltsbücher, aber auch Briefe und im hauseigenen Garten angebautes Gemüse. Von neuen Wegen der Zubereitung um 1815 erfahren wir über eine Anzeige der neuen Erfindung der Dampf-Küche, die extra ausgeschnitten in die darauf Bezug nehmende Kleine Abhandlung über die Dampfküche : als Beitrag zur Verbesserung des Koch- und Küchenwesens eingelegt war, was Goethes Interesse an diesem Thema vermuten lässt.

Die Methode mit Wasserdampf zu kochen war nicht neu. Aber Ernst Querner (1790–1862), Inhaber der Großherzoglich privilegierten Metallwaaren-Fabrik in Weimar, arbeitete daran, das Koch- und Küchenwesen zu verbessern. Insbesondere ging es ihm darum Holz und Zeit einzusparen. Daher fertigte er einen Apparat, mit dem über einer Feuerstelle verschiedene Speisen – Kartoffeln, Kohl und Fleisch – in mehreren Töpfen gleichzeitig gegart werden konnten. Der Dampf des in einem Kessel siedenden Wassers wird über Röhren in 2 oder 3 Gefäße geleitet. Dazu ist noch eine Bratröhre mit Pfanne und in der Röhre ein Blech zum Backen angebracht. So kann man nic­­­ht nur für 6 Personen oder mehr in 30 bis 50 Minuten alle Speisen völlig gar kochen, sondern nebenbei auch einen sehr großen Raum heizen. Bei einer seiner Vorführungen wurde es so warm, dass eine Nebentür geöffnet werden musste.

Querners Errungenschaft fand überregional Erwähnung im Wöchentlichen Anzeiger für Kunst- und Gewerbefleiß im Königreich Baiern (1816) oder auch i­­­n der Geschichte der Erfindungen in allen Theilen der Wissenschaften und Künste (1821).

Passend zu diesem kleinen Ausflug in die Kunst des Kochens wird im nächsten Beitrag ein Kochbuch vorgestellt, das nicht nur für die Quernersche Küche geeignete Speisen beinhaltet, sondern auch wertvolle Gesundheitstipps bereithält.


 

Wallende Wasser

Zu den Künstlern, die Goethe im Alter besonders schätzte, gehörte der junge Eugen Napoleon Neureuther (1806–1882). Schon von seinen Randzeichnungen zu Goethe's Balladen und Romanzen war Goethe sehr angetan, lobte das „Eigenthümliche Ihres schönen Talents“ und „die glückliche Naivität Ihrer Conceptionen“. Er sah ihn als von Albrecht Dürer inspiriert, merkte aber an, Neureuther sei kein „unbeholfener flacher Nachahmer“ von dessen Zeichnungen, sondern habe „den Geist derselben erfaßt“ und schöpfe „aus eigner vollströmenden Quelle“.

Von Goethes Lob beflügelt, nahm Neureuther dessen Dichtungen auch in seinen nächsten Zyklus auf. Das waren die ab 1831 erscheinenden Randzeichnungen zu den Dichtungen der deutschen Classiker, von denen er Goethe zu Lebzeiten noch das erste Heft zusenden konnte. Auf diesem Bild gestaltet er Goethes Zauberlehrling, der Künstler schon immer inspirierte – bis hin zu Walt Disneys Fantasia (1940) und charmanten Adaptionen in Lego. Neureuther nähert sich seinem Stoff auf ungewöhnliche Weise. Statt der Besen, die die Fluten hereintragen, bespuckt ihn allerlei Wassergetier. Lediglich das eulenartige Wesen über seinem Kopf könnte einer der beschworenen Geister sein. Was die Lithographie besonders schön einfängt, ist die Hilflosigkeit des überforderten Jünglings. Unten rechts erkennt man Neureuthers Signatur, die sich tatsächlich an Dürer anlehnt.

Neureuther gilt als einer der besten Illustratoren der Romantik. Als Sohn des bayerischen Hofmalers Ludwig Neureuther besuchte er die Münchner Kunstakademie. Seine Lithographien zur deutschen Literatur machten ihn schnell berühmt. Außer dem Zauberlehrling enthält das hier gezeigte Heft noch Schillers Taucher, Wielands Der Vogelsang oder Die drei Lehren sowie das Gedicht An die Künstler aus der Feder des bayerischen Königs Ludwig I. Übrigens war Neureuther einer der ersten, die Goethe als „Classiker“ bezeichneten – fast zehn Jahre vor Heinrich Laubes Geschichte der deutschen Literatur (1839), die meist als frühester Beleg gilt.  


 

Verliehene Werke

Über historische Ausleihjournale ist überliefert, dass Goethe zahlreiche Bände aus der herzoglichen Bibliothek ausgeliehen hat. Wiederum verborgte er selbst Bücher aus seiner Privatbibliothek, vermerkt auf einem in den Catalogus Bibliothecae Goethianae eingelegten unscheinbaren Zettel.

Mit dem ersten Eintrag über Ursula, princesse Britannique von Keverberg van Kessel an Sulpiz Boissée am 17. April 1820 liegt ein Missverständnis vor. Zwar schickte ihm Goethe diesen Band zu, jedoch bat Boisserée nicht um den Druck, sondern um eine Zusendung der Zeichnungen des Brügger Ursulaschreins für Vergleichsstudien, was einem Brief vom 1. Mai zu entnehmen ist. Während dieses Buch wieder in Goethes Bibliothek steht, ist der Band „Spec. Asterum“ von Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck der „nach Belvedere“ verliehen wurde, verloren gegangen. Der folgende Eintrag „Büschings Wöchentl. Nachrichten das Heft wo von den Bildnißen Christi die Abhandlung steht“ belegt eine Ausleihe des dritten Bandes, Stück 2, 1817 der Zeitschrift Wöchentliche Nachrichten für Freunde der Geschichte, Kunst und Gelahrtheit des Mittelalters, der wieder zurück gegeben worden ist. Heute nicht mehr existent ist der Band Die Papierfenster eines Eremiten von Karl Immermann, den Goethe „Fr. von Pogwisch“ leihweise überlassen hatte. Infrage kommen Henriette von Pogwisch oder ihre Tochter Ulrike von Pogwisch, der Mutter und Schwester seiner Schwiegertochter Ottilie.

Unter den heute nicht mehr in Goethes Bibliothek vorhandenen Bänden befinden sich vielleicht noch weitere verborgte Exemplare, deren Spuren nicht mehr zu verfolgen sind. Nicht ohne Grund hat Goethe im Juni 1815 folgenden Aufruf in das Weimarische Wochenblatt setzen lassen: „Vermißt. Da man bei Gelegenheit der Revision der Bibliothek des Herrn Geheimerath von Goethe mehrere Werke vermißt; so werden alle diejenigen, welche aus selbiger Bücher geliehen erhalten, freundlich ersucht, solche bald möglichst in das Goethesche Haus zurück zu liefern“.


 

Singende Steine

Goethes Bibliothek steckt voller Gelegenheitsschriften – Gedichte, Reden und Predigten zu allen möglichen Anlässen, von der privaten Hochzeit bis zum Staatsbesuch. Viele davon sind heute selten, weil kaum jemand sie aufbewahrte.

Das Gedicht Die Stimmen der Steine ist ein besonders charmantes Beispiel. Goethes Schwager Christian August Vulpius schrieb es zu Ehren des Geologen Johann Georg Lenz, der 1822 den fünfzigsten Jahrestag seiner Habilitation an der Universität Jena feierte. Ihm zu Ehren lässt Vulpius die verschiedenen Gesteinsarten singen, zum Beispiel die Fossilien: „Aus der Fluthen tiefen Schlünden / Zog’s uns in der Saale Thal […] Bei Korallen und Granaten, / Blicken wir Dich freundlich an, / Der uns allen keinen Schaden, / Aber Ehre angetan.“ Vulpius‘ Gedicht war der Festbeitrag der Großherzoglichen Bibliothek in Weimar, der heutigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

Auch sonst war das Fest reich an Höhepunkten, wie man in der Allgemeinen Literatur-Zeitung nachlesen kann. Goethe verlas ein eigenes Gedicht, zu dem Großherzog Carl August eine spektakuläre Torte in Form eines Vulkans auffahren ließ. Auf einen Wink brachte die Torte eine Verdienstmedaille für Lenz zum Vorschein.

Nach seiner Habilitation hatte der 1748 geborene Wissenschaftler zuerst auf dem Gebiet der Klassischen Philologie gearbeitet. Doch schon bald wandte er sich der Geologie zu und wurde auf diesem Gebiet einer von Goethes engsten Austauschpartnern. An der Universität Jena hielt er als erster Vorlesungen auf diesem Gebiet ab. Mit der „Societät für die gesammte Mineralogie in Jena“ begründete er die erste geowissenschaftliche Gesellschaft der Welt. Lenz war nicht nur ein Generationsgenosse Goethes, er starb auch wenige Wochen vor ihm, am 28. Februar 1832.


 

Aus Kindertagen

Zu den besonderen Einlagen in Goethes Büchern gehört eine durchgepauste Bleistiftzeichnung auf Transparentpapier mit handschriftlichem Zusatz. Abgebildet ist der thronende König Gunther, Herrscher über Burgund und einer der Hauptakteure des Nibelungenliedes. Tatsächlich war das Papier in den von Franz Rudolph Hermann herausgegebenen Band Die Nibelungen eingelegt. Als Vorlage diente jedoch die erste kolorierte Tafel der Heldenbilder aus den Sagenkreisen Karls des Großen, herausgegebenen von Friedrich Heinrich von der Hagen.

Möglicherweise handelt es sich um eine Zeichnung von Goethes Enkeln. Neben den wohl von Kinderhand geführten Linien ist auch die darunter angefügte Notiz „König Gunther Nibelungen“ von kindlichem Duktus. Überliefert ist zumindest, dass sich sein Enkel Wolfgang sehr oft in seinem Arbeitszimmer aufhielt und Goethe für ihn einen kleineren Schreibtisch anfertigen ließ, der heute noch unter dem rechten Fenster des Zimmers steht. Auch heißt es in einem Tagebucheintrag vom 9. März 1830 über seinen 9-jährigen Enkel: „Wölfchen beschäftigte sich mit Durchzeichnen“.

Noch in mindestens drei weiteren Bänden der Bibliothek finden sich Spuren von Kinderhand.


 

Wunderliches Zeug

Mehr als ein Drittel von Goethes Bibliothek bestand aus Bucheinsendungen anderer Autor*innen. Viele von ihnen kamen ungebeten, wie das Theaterstück Prinz Hugo. Autor Carl Lauter studierte bei Goethes Freund Karl Friedrich Zelter und drängte es dem Komponisten förmlich auf. Entnervt schrieb er an Goethe: „Es kommt das Schicksal. Einer meiner Studenten bringt mir ein Trauerspiel: Prinz Hugo. fix und fertig, gedruckt, gebunden und alles, und fragt: ob ers wohl Dir senden dürfe? – Ist das nicht zum Entsetzen?“

Lauters Stück erschien im Selbstverlag und ist eine wenig originelle Mixtur aus Bruchstücken anderer Autoren. Shakespeares Hamlet, Kleists Käthchen von Heilbronn und Goethes eigener Götz von Berlichingen sind nur die offensichtlichsten Zutaten. Am 1. März 1832 schrieb Goethe kopfschüttelnd ins Tagebuch: „Auch ein Trauerspiel: Prinz Hugo von Carl Lauter. Was für wunderliches Zeug in den Köpfen der jungen Leute spukt; wenn sie doch nur im Theater sitzend lernten, was da droben geht und nicht geht.“ Das Buch selbst schenkte er seinem Enkel Wolfgang Maximilian.

Auch andere konnten nur wenig mit Prinz Hugo anfangen. Die Allgemeine Literatur-Zeitung sprach zwar von „einer gewissen Bühnen-Reife“, meinte aber auch, so etwas könne sich „so phantastisch nur in dem Gehirne eines noch ganz jungen, mit Hof und Welt gänzlich unbekannten […] Dichter bilden“. Weniger höflich war das Morgenblatt für gebildete Leser. Hier bemängelte man die „Langweiligkeit“ des Stücks und „die ganz unerträgliche Manier, in der fast jede Phrase doppelt gesagt wird“. Carl Lauter nahm sich die Kritik wohl zu Herzen. Offenbar hat er nie wieder ein Buch geschrieben.


 

Blühende Verehrung

Zu den zahlreichen Ehrungen Goethes zu Lebzeiten gehören auch naturwissenschaftliche Objekte, die nach ihm benannt worden sind. So trägt eine rot blühende, im brasilianischen Regenwald beheimatete, Pflanze aus der Familie der Malvengewächse seinen Namen. Beschrieben wurde diese unter dem Titel Goethea, Novum Plantarum Genus von Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck (17761858). Mit dem befreundeten Botaniker führte Goethe einen regen Briefwechsel und übersandte ihm regelmäßig seine Hefte Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders zur Morphologie.

Am 5. April 1823 sendet von Esenbeck seinen zusammen mit Carl Friedrich Philipp von Martius (1794–1868) verfassten Aufsatz über die Goethea als Sonderdruck mit den einleitenden Worten in dem dazugehörigen Brief: „Ich habe gewagt, den theuern Namen, der in so vielen Herzen lebt, an eine Pflanzengattung zu verleihen“. Zusätzlich zu den ohnehin vorhandenen Tafeln, die Esenbeck nicht ganz gefallen, fügt er in einer Rolle mit zwei weiteren Abdrucken von Eduard d'Alton (nach Th. Wild) hinzu. Vermutlich handelt es sich dabei um die beiden kolorierten Tafeln in Folioformat.


 

Gemalter Marmor

Klassik Stiftung Weimar
Klassik Stiftung Weimar

Laurence Sternes The Life and Opinions of Tristram Shandy (1759–1767) gehört zu den großen Werken der humoristischen Literatur. Sterne war ein Virtuose des spielerischen Umgangs mit der Romanform, der auch Goethe bei seinem Wilhelm Meister inspirierte. Goethe nannte Sterne einen „Mann, dem ich so viel verdanke“ und schätzte ihn als jemanden, „der die große Epoche reinerer Menschenkenntnis, edler Duldung, zarter Liebe in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zuerst angeregt und verbreitet hat.“

 

Sternes Tristram Shandy spielt auch auf materieller Ebene mit der Buchform. Laut Text sind je ein schwarzes, ein weißes und ein marmoriertes Blatt in den Buchblock einzubinden. In diesem Exemplar aus Goethes Bibliothek, 1792 in Altenburg gedruckt, hatte der Verlag offenbar kein Buntpapier zur Hand. Stattdessen: eine handgemalte Marmorstruktur.

 

mit Dank an Frank Sellinat